„Stop the Slop": Fünf Plattformen gehen gegen reine KI-Inhalte vor.
Snapchat empfiehlt keine vollständig erzeugten Videos mehr, YouTube entzieht ihnen das Geld, Spotify hat über die Zeit 75 Millionen Titel entfernt, die wie Spam aussahen. LinkedIn hat sogar sein eigenes Schreibwerkzeug zurückgezogen.
„Stop the SlopEnglisch für Spülwasser oder Schweinefutter. Im Netz steht das Wort für maschinell erzeugte Inhalte, die massenhaft produziert werden und niemandem nützen. Ein deutsches Wort dafür hat sich noch nicht durchgesetzt.!" Mit diesen drei Wörtern hat Evan SpiegelMitgründer und Vorstandsvorsitzender von Snap, dem Unternehmen hinter Snapchat. Er führt das Unternehmen seit der Gründung., der Vorstandsvorsitzende von Snap, am 31. Juli den Umbau seines wichtigsten Feeds angekündigt. Videos, die vollständig von einer künstlichen Intelligenz erzeugt wurden, schlägt Snapchat seither niemandem mehr vor.
Verboten sind sie nicht. Wer solche Clips hochlädt, darf das weiterhin. Zu sehen bekommen sie nur noch die Nutzer, die dem Konto ohnehin folgen.
Snap begründet das so: Schlechte und sich wiederholende KI-Inhalte würden im Netz immer häufiger. SpotlightDer öffentliche Videobereich von Snapchat. Anders als die Nachrichten an Freunde zeigt er kurze Videos von Fremden, ausgewählt von einem Empfehlungssystem., der öffentliche Videobereich der App, solle ein Ort bleiben, an dem Menschen echte Kreativität von echten Menschen entdecken. Man wolle weiter belohnen, wer eine eigene Sichtweise hat und persönlich erzählt.
Die Ausnahme ist bemerkenswert. Wer ein Video mit den KI-Werkzeugen von Snapchat bearbeitet, bleibt im Empfehlungssystem. Solche Beiträge bekommen nur einen sichtbaren Hinweis darauf, dass eine Maschine beteiligt war.
Vier Plattformen waren schneller als Snapchat
Snap ist nicht vorgeprescht, sondern nachgezogen. Vier andere Plattformen hatten seit Mitte Juli dasselbe getan.
YouTube hatte bereits am 16. Juli seine Monetarisierungsregeln umbenannt. Aus „repetitious content" wurde „inauthentic content". Damit meint YouTube seither ausdrücklich auch Videos, die jemand mit künstlicher Intelligenz, Computergrafik oder Vorlagen in Serie produziert. Wer das tut, bekommt kein Geld mehr aus dem PartnerprogrammDas Programm, über das YouTube seine Werbeeinnahmen mit den Urhebern teilt. Wer nicht darin ist, kann Videos hochladen, verdient damit aber nichts..
Vier Tage später kam heraus, dass Spotify mehr als 75 Millionen Titel entfernt hat, die wie Spam aussahen. Sam Duboff, dort zuständig für globales Künstlermarketing und Richtlinien, räumte ein, die Grenze zwischen KI-Musik und dem Rest verwische zusehends. Auf der Plattform landen nach Unternehmensangaben rund 100.000 neue Titel am Tag.
Am 30. Juli schließlich hat LinkedIn einen Meldeknopf eingeführt. Er heißt „Seems like AI slop." LinkedIn benutzt die Meldungen, um seine Erkennung zu trainieren und die Reichweite gemeldeter Beiträge zu senken. Wer oft gemeldet wird, sieht das künftig in seiner eigenen Statistik.
KI-Slop habe für sie alle oberste Priorität, sagte Hari Srinivasan, der Produktchef von LinkedIn. Das Thema liege ihnen wirklich am Herzen.
Im Wortlaut
Was die fünf Häuser selbst dazu sagen
Fünf Zitate aus den Ankündigungen, in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Sie stehen so nicht im Text oben.
Matt Halprin YouTube, Vertrauen und Sicherheit
„KI erlaubt Menschen tatsächlich, viele Videos zu machen. Manchmal sind diese Videos großartig und steigern die Kreativität wirklich.“
Die Zitate stammen aus den unten verlinkten Quellen, aus dem Englischen übertragen. Der Balken zeigt nur die Reihenfolge, er misst nichts.
90.000 KI-Songs am Tag, drei Prozent der Abrufe
Einen Tag nach Spotify legte der französische Musikdienst Deezer Zahlen vor. Sie erklären, warum es die Plattformen eilig haben.
Im Juni stammte dort mehr als die Hälfte aller neu hochgeladenen Titel von einer künstlichen Intelligenz, im Schnitt rund 90.000 Titel am Tag. Im April waren es 44 Prozent und 75.000 Titel.
Gehört wird diese Musik kaum. Auf sie entfallen ein bis drei Prozent aller abgespielten Titel.
Der Anstieg schlägt auf die Streams also nicht durch. Deezer hilft dabei allerdings nach und nimmt erkannte KI-Titel selbst aus den Empfehlungen und aus den Redaktions-Playlists.
Eine zweite Zahl aus demselben Bericht zeigt, was dort passiert, wo sie trotzdem abgerufen werden. Bis zu 85 Prozent dieser Abrufe seien im Jahr 2025 betrügerisch gewesen. Wo die Zähler laufen, hört also häufig überhaupt kein Mensch zu.
Man wolle sich auf die Musik konzentrieren, die die Fans wirklich lieben, sagte Alexis Lanternier, der Vorstandsvorsitzende von Deezer.
Keine Plattform verbietet KI
Keine der fünf Plattformen verbietet künstliche Intelligenz. Snapchat bietet sogar eigene Werkzeuge dafür an.
Snapchat lässt die eigenen ausdrücklich zu. Deezer erkennt KI-Titel nach eigenen Angaben mit einer Genauigkeit von 99,8 Prozent, nimmt sie aber nur aus den Empfehlungen und Redaktions-Playlists, nicht aus dem Katalog.
LinkedIn zeigt den Unterschied am klarsten. Und zwar am eigenen Produkt. Am 30. Juli hat es „Enhance your post" abgeschafft, die Funktion, die einen Beitrag umgeschrieben hat. Stattdessen gibt es jetzt ein Korrekturwerkzeug. Es verbessert Grammatik und Rechtschreibung und lässt den Ton des Verfassers in Ruhe.
LinkedIn hat sich also entschieden, seinen Nutzern das Werkzeug zu lassen und ihnen den Ersatz wegzunehmen.
Matt Halprin, bei YouTube für Vertrauen und Sicherheit zuständig, hat den Unterschied so beschrieben: Dasselbe Werkzeug, mit dem jemand großartige Videos mache und seine Kreativität steigere, erlaube es einem anderen, sehr schnell sehr ähnliche Videos zu produzieren. Der zweite Fall sei eine Inhaltefarm. Genau die wolle man nicht.
Die Trennlinie läuft demnach nicht zwischen Mensch und Maschine. Sie läuft zwischen Werkzeug und Ersatz.
Kreativität ist gerade knapp geworden
Lange lautete die öffentliche Frage, ob künstliche Intelligenz Kreative ersetzt. Fünf Unternehmen haben darauf in gut zwei Wochen geantwortet, nicht mit einer Stellungnahme, sondern mit ihren Empfehlungssystemen.
Ich halte das für den Wendepunkt.
Je ähnlicher sich die Inhalte werden, desto mehr ist echte Kreativität wert. Sicher ist das nicht, aber der Gedanke liegt nahe: Was es im Überfluss gibt, wird billig. Und seit diesem Juli sorgen fünf Plattformen dafür, dass man das andere leichter findet.
Dagegen steht ein Einwand, der genauso plausibel ist. Knapp wird vielleicht gar nicht die Kreativität, sondern die Verteilung. Wer schon Reichweite hat, gewinnt auch die neue Sortierung, unabhängig davon, wie gut die Arbeit ist.
Das lässt sich nicht ausschließen. Die Plattformen entscheiden es selbst. Snapchat, YouTube und LinkedIn bestimmen mit ihren Empfehlungssystemen, wessen Arbeit oben landet. Wer darauf setzt, dass sich Qualität durchsetzt, setzt darauf, dass fünf Konzerne sie erkennen.
Snap nennt dazu eine eigene Zahl, die man mit Vorsicht lesen sollte. Sie stammt aus dem eigenen Haus und ist älter als die neue Regel. Weltweit veröffentlichen demnach mehr als doppelt so viele Menschen eigene Videos bei Snapchat wie im Vorjahr.
Künstliche Intelligenz und Kreativität gehen für mich Hand in Hand, als Werkzeug und nicht als Ersatz. Wer dieses Werkzeug richtig einsetzt, potenziert damit die eigene Kreativität.
Der Gewinn liegt dabei nicht in der gesparten Zeit. Er liegt in den Ideen, für die vorher keine Zeit war.
Wer drei Wege durchspielen kann, nimmt den besten von dreien. Wer zwölf durchspielen kann, kommt auf den zwölften. Das ist ein anderer Beruf als schneller tippen.
Für alle, die etwas Eigenes zu sagen haben, ist das eine gute Nachricht: Eine eigene Idee war lange nicht mehr so viel wert.
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Daniel Klantke · KI-Beratung für Unternehmen und Gründer · klantke.com/blog/plattformen-gehen-gegen-reine-ki-inhalte-vor
Quellen
- Snap Inc.: Rewarding Authentic Creativity on Spotlight, 31. Juli 2026. Vollständig KI-erzeugte Videos ab diesem Monat nicht mehr empfehlungsfähig, mit Snap-Werkzeugen bearbeitete Inhalte bleiben es mit Transparenzkennzeichnung. Zahl der Spotlight-Beitragenden weltweit über 120 Prozent höher als im Vorjahr.
- Forbes, Gabriela Linzainescu: Snapchat And LinkedIn Launch New Tools To Curb AI Slop In Feeds, 1. August 2026.
- TechCrunch: Snapchat no longer rewards fully AI-generated Spotlight content, 31. Juli 2026.
- TechCrunch: YouTube clarifies policies around AI slop and upsetting videos, 20. Juli 2026, zur Regeländerung vom 16. Juli.
- TechCentral: Spotify removes 75m AI slop tracks from its platform, 20. Juli 2026. Über 75 Millionen entfernte Titel, rund 100.000 neue Titel am Tag, nach Angaben von Sam Duboff.
- Deezer Newsroom: AI Music Tops 50% of Daily Uploads, Juli 2026. Über 50 Prozent der Uploads im Juni, Monatsdurchschnitt 90.000 Titel, ein bis drei Prozent der Streams, bis zu 85 Prozent betrügerische Abrufe im Jahr 2025, Erkennungsgenauigkeit 99,8 Prozent.
- TechCrunch: LinkedIn adds a button to report AI-generated slop, 30. Juli 2026. Meldeknopf, Ablösung von „Enhance your post" durch ein Korrekturwerkzeug, Zitat von Hari Srinivasan.